16 Gipsmasken: Vor schwarzem Hintergrund fotografiert und vergrößert empfinden wir sie automatisch leblos, weil wir sie mit Totenmasken assoziieren, mit Gipsbüsten, wie sie für den Zeichenunterricht auf den Kunstschulen verwendet wurden, oder mit  Skulpturen.  Weil sei nicht farbig gefasst sind, wirken all diese Repräsentationen des Lebens in Gips oder Marmor erstarrt, leblos, stumm (mit geschlossenem Mund) und blind, weil mit geschlossenen Augen. Darin liegt auch der buchstäbliche Gegensatz zwischen Maske und Gesicht oder frz. Visage – bei letzteren ist das Sehen als wesentlicher Teil im Wort Gesicht enthalten (vergl. Erika Simon, Die Sprache der Masken), wohingegen die Maske blind ist, weil die Augen geschlossen oder, wie wir es von Karnevalsmasken kennen,  ausgeschnitten sind.

In einer zweiten Serie erscheinen dieselben 16 Porträtierten wieder, diesmal  lebendiger, wie wir es von Fotografien kennen, jetzt blicken sie uns an, sind in Originalgröße, sind konturiert und kontrastreich, wenn auch nur Schwarzweiß, dafür dreidimensional. Das ungewöhnliche an dem Porträt-Verfahren, das Meinrad Hofer entwickelt hat, ist, dass die Gesichter reliefartig aus den Fotografien hervortreten. Wie aufwändig das Verfahren ist, machen die einzelnen Schritte klar: Jede Person wird zuerst fotografiert, dann von ihr ein Gipsabdruck abgenommen (dem muss eine entsprechende Präparierung vorangehen, damit die Maske sich wieder von der Haut lösen lässt). Als nächster Schritt wird ein Gipspositiv angefertigt und auf eine Gipsplatte montiert. Beide werden anschließend mit einer lichtempfindlichen Emulsion bestrichen und mit dem zuvor aufgenommenen Porträt belichtet.

So kommt es zu zwei Arten von Abdrucken – einem physischen Gipsabdruck und einem fotografischen „Lichtabdruck“. Man verwendet in der Fotografie tatsächlich den Begriff „Abdruck“, weil sich das vom Objekt reflektierte Licht in die lichtempfindliche Schicht des Films einschreibt und dort seine Spur oder eben seinen Abdruck hinterlässt.

Das „Abziehen“ der Maske evoziert einen weiteren Gedanken aus der Frühzeit der Fotografie. Man fürchtete, dass sich mit jedem Foto eine hauchdünne Schicht der fotografierten Person ablöst, ein Häutchen, und ihr damit etwas unwiederbringlich wegnimmt. Die Skepsis im 19. Jahrhundert war groß, hatte man doch noch die Häutung des Marsyas etwa im Kopf, dem Apollon unter grausamsten Schmerzen tatsächlich die Haut abzog.

Zwei Arten von Darstellungen kommen also zusammen: Die dreidimensionale Repräsentation eines Gesichtes, bei der Aufbau eines Gesichtes, seine Form, die Ausprägung von Stirn, Nase, Mund, Kinn, Wangen bestimmend sind. Darüber legt sich das zweidimensionale fotografische Abbild, das wie eine Zeichnung durch Linien und Schattierungen dann Haare, Lippen, Augenbrauen etc. hervorhebt. Diese Porträts wirken am realistischsten, wenn wir sie frontal und leicht von unten sehen. Es gibt einen richtigen BetrachterInnenstandpunkt; verlässt man den allerdings, splittet sich das Porträt zunehmend in eine Profile und en face-Versionen.

 Nochmals zurück zur ersten Serie, die auch nicht ganz so ist, wie sie scheint:

Obwohl Meinrad Hofer darauf Wert gelegt hat, dass die einzelnen Gipsmasken unter gleichen Bedingungen fotografiert sind, fällt beim Betrachten der Serie auf, wie die Köpfe vor dem schwarzen Hintergrund auf und ab springen. Das kommt einerseits daher, dass die Gesichtsformen unterschiedlich sind, aber auch – und das ist irritierend – weil die hellen Außenkanten der Masken diese Unregelmäßigkeit fördern. Diese Kante birgt noch ein Geheimnis. Sie stammt nämlich nicht, wie man vielleicht annehmen möchte, von einer Lichtquelle hinter der Maske, sondern verrät eine optische Täuschung, der wir BetrachterInnen unterliegen.  Schaut man genau hin, fallen Kleinigkeiten wie Wimpern und Spuren von Schminke auf, die vom Gips abgetragen oder eingeschlossen wurden – d.h. die Fotografien zeigten keine nach außen gewölbten Gesichtsmasken, sondern den Blick in die Hohlmasken. Allerdings können wir nicht anders, als uns täuschen lassen, denn unser Sehsinn erliegt der sogenannten Tiefenumkehr: bei richtigem Licht und einiger Distanz sehen wir (einäugig wie der Fotoapparate) anstelle der Hohlmaske, ein „normales“ Gesicht. Weil wir „Hohlgesichter“ nicht kennen „stülpen“ wir  es automatisch aus und bringen es in die vertraute Form. Wir schauen zwar in eine Hohlmaske, sehen aber ein nach außen gewölbtes Gesicht.

Letztlich ist die Ausstellung auch als Studie zum Thema Porträt zu verstehen. Oft wurde beschrieben, wie Porträtierte vor der Kamera unweigerlich in eine Pose verfallen. Aber so zentral die Pose normalerweise ist, nicht beim „Gipsporträt“, denn unter dem Gips gibt es kein Posieren, da gibt es nur eine Pose, nämlich die, die man 15 Minuten durchhalten kann. Im Sinne einer Studie werden auch die beiden Abdruckverfahren, Foto und Maske, miteinander verglichen: beide frieren Bewegung ein, beide stellen die Gesichtsmimik ruhig. Und zur Studie gehört auch die Beobachtung, dass jede Persönlichkeit aus vielen Schichten besteht,  jedes Porträt kann etwa die idealisierte Fassung eines Antlitzes sein, oder eine unbeschönigte, realistische, die mitunter weit aussagekräftiger ist.

Einer der zentralen Fragen, mit der sich ein Porträtfotograf konfrontiert sieht ist: Wie kann es gelingen, das Wesen des Menschen darzustellen, wie kann die Individualität der Person im Bild erscheinen, und nicht nur seine Gesichtsoberfläche, die ja via Schminke, Licht, Nachbearbeitung etc. komplett korrigiert werden kann.

Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Koeppen hat über dieses, für die Fotografie so charakteristische Problem eine Kurzgeschichte geschrieben (Joans 1000 Gesichter), die die Suche nach dem Wesen einer Person sehr schön auf den Punkt bringt:

Jeder Apparat zeigt eine andere Frau. Ich besitze schon viele Bilder von ihr. Sie sieht immer anders aus. Ich weiß nicht, woran ich bin. Die, mit der ich lebe, ist nie von den Photographen erfasst worden. […] Auf jedem Bild ist sie ein anderer Typ. Während sie neben mir, in jeder Sekunde die ganze Reihe der Möglichkeiten erfüllt. […] Die Platte kann immer nur die eine Schicht, die im Sekundenbruchteil des Aufnahmemoments gerade außen liegt, erfassen.

In diesem Sinne braucht es Studien wie die von Meinrad Hofer, um dem Thema Porträt noch von anderer Seite etwas näher zu kommen.

Ruth Horak zur Ausstellungseröffnung im Bildraum 01, Wien 15.2.-25.3.2016